Mitterrand im Kreis französischer Kriegsgefangener um 1940 / 41 (Ort unbekannt). © Gedenkstätte und Museum Trutzhain

Kriegsgefangenschaft in Schaala

In Schaala befand sich bis etwa 1925 eine ehemals prosperierende Porzellanfabrik (zuletzt Inhaber Familie Voigt), die dem kleinen Dorf zu einem gewissen Wohlstand verholfen hatte. Sie produzierte hauptsächlich figürliches Porzellan, wobei Nippes und kewpies-Puppen insbesondere in den USA vor 1914 guten Absatz fanden. Die ehemaligen Fabrikräume wurden nach der Einstellung der Produktion als Wohn- und Gewerberäume genutzt und mit Ausbruch des Zweiten Weltkrieges als Kriegsgefangenenlager. Die offizielle Bezeichnung war Stammlager (STALAG) IX C, es gehörte als Außenstelle zum Basislager Bad Sulza und war in erster Linie für westalliierte Kriegsgefangene gedacht.

Der wohl prominenteste Häftling war François Mitterrand. Als 23-jähriger eingesetzt als Sergant chef (Stabsunteroffizier) an der französischen Maginot-Linie, geriet er wenige Tage nach dem Überfall Hitler-Deutschlands am 18. Juni 1940 verletzt in deutsche Kriegsgefangenschaft. Im Herbst 1940 folgte die Internierung in der ehemaligen Porzellanfabrik Schaala, wo zu diesem Zeitpunkt etwa 200 Mitgefangene verschiedener Nationen einquartiert waren. Es handelte sich meist um Intellektuelle, die in der Regel vom Wachpersonal gut behandelt und versorgt wurden. Sie hatten Arbeitsdienst in Rudolstadt zu leisten und waren in der Landwirtschaft, als Gärtner oder in der Richterschen Fabrik eingesetzt. Mitterrand hatte bei einem - heute unbekannten - Tischler Dachsparren zu fertigen. Er war sehr an der deutschen Geistes- und Kulturgeschichte interessiert und konnte sich auf Grund seiner Deutschkenntnisse gut mit dem Tischler verständigen, der ihm die Rudolstädter Altstadt und das „Schillerhaus“ zeigte. Das Verhältnis schien sehr gut zu sein, da Mitterrand dieser Bekanntschaft eine Episode in seinen Memoiren widmete. Gemeinsam mit einem Kameraden gelang Mitterrand am 5. März 1941 die Flucht. Sie schlugen sich wochenlang bis zur süd-westlichen Grenze bei Egesheim (Kreis Tuttlingen) durch, wurden dort aber von deutschen Truppen aufgegriffen. Aus Mitterrands Erinnerungen geht hervor, dass er noch ein zweites Mal einen Fluchtversuch unternahm, aber erst der dritte Versuch im Dezember 1941 gelang und er konnte nach Frankreich zurückkehren.


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