Foto: Michael Wirkner

Generalplaner präsentieren Modell des Theater-Neubaus. Foto: Michael Wirkner

Baustellenbesichtigung. Foto: Michael Wirkner

Bereits fertig gestellte Maskenwerkstatt. Foto: Michael Wirkner

Bauarbeiten im Bereich der alten und zukünftigen Rampe für das Bühnenhaus. Foto: Michael Wirkner

Theater Rudolstadt stellt Saison 2022/23 vor

23 Premieren und Konzerte in Planung

Das Theater Rudolstadt hat seinen Spielplan für die Saison 2022/23 veröffentlicht. Mit 23 Premieren von Schauspiel über Oper, Junges Theater bis hin zu Ballett sowie zahlreichen Konzerten will es nach zwei ausgebremsten Corona-Jahren wieder in die Vollen gehen. Der thematische Schwerpunkt liegt diesmal auf der Uraufführung des viel gepriesenen Deutschlandromans „Herscht 07769“ von László Krasznahorkai, der in Thüringen spielt und auf den ersten Blick Unvereinbares wie Angela Merkel, Johann Sebastian Bach, Neonazis, Wölfe und die Auslöschung der Welt miteinander verbindet, gab Steffen Mensching bei der Pressekonferenz am 17. Mai bekannt. Außerdem wird der Theaterneubau des Zuschauerraums in den nächsten Monaten in großen Schritten voranschreiten. Die Besucherzahlen zeigen einen Aufwärtstrend. So ist für die Sommer-Open-Air-Veranstaltungen auf der Heidecksburg, die am 17. Juni startet, bereits eine große Nachfrage zu spüren. Die nächste Spielzeit wird mit einem Theaterfest am 11. September im Park vor dem Stadthaus offiziell eingeläutet.

Die Saison 2022/23 steht unter dem ambivalenten Motto des Hauspatrons Friedrich Schiller: „Ich bin mein Himmel und meine Hölle“. „Es gibt nicht nur die grauenvollen Schlachtfelder des Krieges, sondern auch die abgründigen Schlachtfelder im Inneren des Menschen. Von ihnen handelt das Theater seit Urzeiten“, begründete Kliefert die Wahl. „Das Motto trifft zudem genau den Kern unserer brisanten Uraufführung, bei der sich die Hauptfigur Florian Herscht von einem friedliebenden Kindsmann in einen Racheengel verwandelt“. Dennoch wird die neue Spielzeit auch viel Komödiantisches im Gepäck haben und Menschen in den Mittelpunkt stellen, die versuchen den Bedrückungen des Lebens beherzt und mit wachem Sinn entgegenzutreten.

Die großen Schauspiel-Premieren im Stadthaus starten mit „Mein Freund Harvey“ (17.09.2022, Regie: Herbert Olschok), einem liebenswerten Broadway-Klassiker aus den 1950er Jahren von Mary Chase. Elwood P. Dowd zieht darin mit seinem unsichtbaren Freund, einem übergroßen weißen Hasen namens Harvey, durch die Kneipen und verbreitet Frohsinn und menschliche Wärme. Doch wie viel Verrücktheit kann eine Gesellschaft vertragen, und was ist eigentlich verrückt, fragt das Stück. In der Komödie „Die Studentin und Monsieur Henri“ (08.10.2022, Regie: Herbert Olschok) von Ivan Calbérac verläuft nicht alles nach Plan. Der griesgrämige Witwer Henri will seinen Sohn mit der attraktiven Studentin Constance verkuppeln. Aber am Ende kommt doch alles anders. Unter dem Titel „Frühstück bei Monsieur Henri“ wurde die charmante Familiengeschichte im Jahr 2015 erfolgreich verfilmt. Im November feiert dann die Theater-Adaption von „Herscht 07769“ (26.11.2022, Regie: Alejandro Quintana) seine Uraufführung. Mit sprachlichem Witz, Sarkasmus und detaillierter Thüringer Ortskenntnis gelingt dem renommierten ungarischen Autor László Krasznahorkai in seinem Roman eine bestechende und zunehmend phantastische Beschreibung des Lebens in einer fiktiven ostdeutschen Kleinstadt namens Kana, unweit von Rudolstadt gelegen. Protagonist ist der naive wie überaus kräftige Florian Herscht. Seine Sorge gilt dem Verschwinden des Universums im Nichts. Aber statt als ein großer Knall im Kosmos kommt die Gefahr für Leib und Leben aus unmittelbarer Nähe. Florian nimmt den Kampf auf, um der Welt das Böse und das Chaos auszutreiben. Die Musik von Bach mit ihrer Schönheit und Klarheit hilft ihm dabei. „Wir empfinden es als große Auszeichnung, die Uraufführung dieses bedeutenden Gegenwartsromans unter mehreren Mitbewerbern nach Rudolstadt geholt zu haben“, betonte Chefdramaturg Kliefert. „Auch erhoffen wir uns durch die opulente Inszenierung eine große Aufmerksamkeit in den Medien und bei den politisch interessierten Zuschauern.“

Als nächste Premiere folgt die Bühnen-Adaption von vier Folgen der beliebten TV-Serie „Der Tatortreiniger“ (28.01.2023, Regie: Markus Fennert) von Mizzi Meyer. „Mit diesem populären Format wollen wir die von TV-Serien verwöhnten Zuschauer wieder zum Gang ins  Theater verführen“, so Kliefert. „Die kammerspielartigen Einakter haben einen großen Reiz, da sie stets relevante Alltagshemen humorvoll verhandeln.“ Als Tatortreiniger wird „Schotty“ auch in Rudolstadt die traurigen Überreste schwerer Verbrechen beseitigen und dabei auf seine lakonische wie lebensbejahende Art den Betroffenen sein Ohr und seinen gesunden Menschenverstand leihen. Die Salonorchester-Revue „Liebe hin, Liebe her“ (17.02.2023, Szenische Einrichtung: Michael Kliefert/Steffen Mensching), ein Gemeinschaftsprojekt von Schauspiel und Thüringer Symphonikern, widmet sich dem schier unendlichen Fundus an traurigen Lovestorys, komischen Liebesbeweisen, unsterblichen Pop-Songs, Schlagern und Chansons. Eines der berühmtesten Liebespaare wird zur letzten Schauspiel-Premiere im Stadthaus die Bühne betreten: „Romeo und Julia“ (25.03.2023, Regie: Kathrin Brune). In den gewaltsamen Konflikt der Elternhäuser gedrängt, zeigt sich ihre kompromisslose Liebe als Akt des Widerstands und gelebte Revolte. Shakespeares erste große Tragödie ist ein Meisterwerk der lyrischen Theaterkunst.

Das Sommertheater-Open-Air auf der Heidecksburg lüftet „Das Geheimnis der drei Tenöre“ (16.06.2023, Regie: Philippe Besson). Opernhafte Eifersuchtsfälle, kuriose Wendungen und ein liebevoll-ironischer Blick hinter die Kulissen sind das Markenzeichen dieses nächsten Sommertheaters, das sowohl Schauspiel- als auch Opernfreunde in seinen Bann ziehen will.

Das Musiktheater kommt auch in der neuen Spielzeit dank einiger Kooperationspartner nach Rudolstadt und Saalfeld. Mozarts Oper „Così fan tutte“ (22.10.2022, Inszenierung: Matthias Kitter) ist eine Parabel über die Liebe und ihre Verletzlichkeit, über menschliche Beziehungen und ihre Veränderungen. Einen musikalischen Kontrast beschert „Die lustige Witwe“ (15.04.2023, Inszenierung: Maria Riccarda Wesseling) von Franz Lehár. Mit ihren unzähligen Ohrwürmern wie dem „Vilja-Lied“ oder „Lippen schweigen“ hat die Operette bis heute nichts an Anziehungskraft eingebüßt. Beide Premieren finden als halbszenische Aufführungen in Kooperation mit dem Theater Nordhausen statt. Ebenfalls aus Nordhausen kommt die Ballett-Premiere „Die Winterreise oder Stationen einer Flucht“ (07.01.2023, Choreografie: Ivan Alboresi) mit Musik von Franz Schubert und Davidson Jaconello. Ballettdirektor Ivan Alboresi überführt das seelische Erleben der einzelnen Lieder des berühmten Zyklus‘ in bewegte Bilder mit intimen Choreografien, die zur Auseinandersetzung mit dem eigenen Leben anregen sollen. Zusammen mit der Hochschule für Musik und Theater „Felix Mendelssohn Bartholdy“ Leipzig, die sich neuerdings als feste Kooperationspartnerin etabliert hat, wird Carl Orffs Oper „Die Kluge“ (04.03.2023, Inszenierung: Tilman aus dem Siepen) erklingen. Zur Urraufführung 1943 gelang es dem Komponisten, im Gewand des grimmschen Märchenstoffes über die kluge Bauerntochter subversive Sätze wie „Wer die Macht hat, hat das Recht, und wer das Recht hat, beugt es auch, denn überall herrscht Gewalt“ unterzubringen.

Im Schminkkasten entwirft die Komödie „Fehler im System“ (24.09.2022, Regie: Esther Undisz) von Folke Braband eine humorvolle Vision eines Alltags, in dem KI und Robotertechnik die Traumfrau oder den Traummann ersetzen. Zur Vorweihnachtszeit stimmt „Die Nacht der Nächte“ (01.12.2022, Szenische Einrichtung: Katja Stoppa), ein literarisch-musikalisches Programm, auf die Festtage ein. In der Reihe der großen deutschen Komödianten bekommt anlässlich seines 100. Geburtstages kein Geringerer als Loriot einen eigenen Abend: „Das Ei ist hart“ (29.4.2023, Regie: Mario Holetzeck).

Die Konzertsaison reizt erneut die Grenzen klassischer Musik aus. In der Sinfoniekonzertreihe vereinen die Thüringer Symphoniker und Chefdirigent Oliver Weder Gegensätzliches wie die Tangotänzerin Christiane Palha, ein Gedenkkonzert zum Totensonntag oder ein Defilee junger Dirigiertalente des Deutschen Musikrates miteinander. Programmatisch harmoniert das 4. Sinfoniekonzert mit der Schauspiel-Premiere von „Romeo und Julia“.  Im 5. Sinfoniekonzert werden Jugendliche ihr selbst komponiertes „Minimal-Music“-Werk, das zuvor in einem Ferienworkshop erarbeitet wurde, zur Aufführung bringen. Mit namhaften Solisten wie der Geigerin Ervis Gega, Joel von Lerber an der Harfe oder Alexander Schimpf, Klavier, begegnen dem Publikum bereits liebgewonnene Bekannte. Die Schlosskonzerte im Rokokosaal der Heidecksburg und in der Schlosskapelle Saalfeld bieten neuen Orchestermitgliedern eine solistische Bühne. Beim Weihnachtskonzert blicken die Thüringer Symphoniker auf „Weihnachten in Versailles“, und das Silvesterkonzert in der Stadthalle Bad Blankeburg feiern sie mit „Sissy in Budapest“.

Das Junge Theater und Konzert bringt vor allem Kindern ab 10 Jahren ein üppiges Programm. Die Gastspiele des Landestheaters Eisenach werden im theater tumult und im Stadthaus zu erleben sein. Mit „All das Schöne“ (12.10.2022, Regie: Linda Ghandour) von Duncan Macmillan, „Krabat“ (24.02.2023, Regie: Jule Kracht) nach Otfried Preußler, „Die Leiden des jungen W.“ (10.05.2023, Regie: Juliane Kann) von Ulrich Plenzdorf und nicht zuletzt mit „Bromance“ (23.05.2023, Regie: Klaus Köhler) ist das Angebot für diese Altersgruppe in der kommenden Spielzeit besonders groß aufgestellt. Kinder ab drei Jahren können mit dem Kinderliederkonzert „Allerlei Gefieder“ (20.09.2022) von und mit Ingo Lößer und „Unterm Kindergarten“ (25.01.2023, Regie: Christoph Macha) von Eirik Fauske erste Theatererfahrungen sammeln. Als Weihnachtsmärchen wird erneut „Rumpelstilzchen“ (04.11.2022, Regie: Kristine Stahl) für Kinder ab fünf Jahren zu sehen sein, da im letzten Jahr zahlreiche Aufführungen aufgrund der Pandemie ausfallen mussten. Wieder gezeigt für diese Altersgruppe wird ebenfalls „Die Moldau – Herr Smetana und der kleine Mann im Ohr“ (04.05.2023) als Theaterkonzert mit Puppenspiel und Live-Orchester, eine Kooperation mit Peter Lutz und TheaterFusion, Berlin. Mit Sonderlingen in der Gesellschaft beschäftigt sich der TheaterJugendClub in seinem neuen Stück „Eulenspiegeleien“ (27.04.2023, Regie: Friederike Dumke).

Zu den Finanzen äußerte sich Verwaltungsdirektor Mathias Moersch. „Das Einspielergebnis hat sich im Jahr 2021 mit seiner Höhe von 273 TEUR zwar im Bereich des Vorjahres bewegt, es liegt aber aufgrund der Auswirkungen durch die Corona-Pandemie weit hinter dem Niveau von 2019 (920 TEUR) zurück.“ Bedingt durch die Einschränkungen des Vorstellungsbetriebes sind die Erlöse aus dem Vorstellungsbetrieb um etwa 70 Prozent eingebrochen. Dieser Einnahmeverlust konnte durch den Bezug von Kurzarbeitergeld kompensiert werden. Weiterhin haben die wirtschaftlichen Träger und der Freistaat Thüringen ihre Zuschüsse nicht gekürzt.

Während in einer Spielzeit ohne Einschränkungen im Durchschnitt rund 530 Vorstellungen mit etwa 90.000 Besuchern zu verzeichnen sind, wurden in der Spielzeit 2020/21 dem Publikum 104 Vorstellungen angeboten. Insgesamt 11.500 Besucher konnten hierdurch erreicht werden. So waren beispielsweise die Open-Air-Veranstaltungen im Juni und Juli, darunter auf der Heidecksburg mit 250 Sitzplätzen, zu annähernd 100 % ausverkauft. „Erfreulicherweise gab es nicht übermäßig viele Abo-Kündigungen während der Pandemiezeit“, konnte Moersch berichten. „Neben der Treue unseres Publikums sind auch die unkomplizierten Rückabwicklungen durch unseren Besucherservice die maßgeblichen Gründe.“ Eine sehr große Anzahl der Besucher spendeten ihren Anspruch auf Rückerstattung des Eintrittspreises. „Hier möchten wir uns bei allen Spenderinnen und Spendern ausdrücklich bedanken“, so der Verwaltungsdirektor. Was die aktuelle Saison betrifft, stehen für Intendant Mensching die Zeichen im Moment klar auf „SommerTheaterKonzert“, auch wenn im Stadthaus, im Schminkkasten und im Meininger Hof noch Aufführungen zu sehen sind. „Wir sind guter Dinge, dass wir mit der Open-Air-Saison sehr viele unserer Zuschauerinnen und Zuschauer wieder erreichen werden, die sich aufgrund der Pandemie zurückgezogen hatten. Der Vorverkauf läuft bisher ausgezeichnet.“

Sichtbare Fortschritte wird es laut Mensching zeitnah auch auf der Theaterbaustelle geben: „Der scheinbare Stillstand war eine Zeit der intensiven Planungsarbeit des Generalplaners.“ Für das Bauvorhaben ist zwischenzeitlich die geänderte Baugenehmigung erteilt worden. „Die Geschäftsführung, der Generalplaner und alle beteiligten Firmen unternehmen gegenwärtig alle Anstrengungen, um das Bauvorhaben planmäßig weiterzuführen“, erklärte Verwaltungsdirektor Moersch. Man halte am Termin für die Wiedereröffnung im September 2023 fest. Steffen Mensching ergänzte: „Das ist natürlich eine optimistische Perspektive. Jeder, der mit offenen Augen und Ohren durch die Welt läuft, weiß, mit wie vielen Unsicherheiten zurzeit alle Planungen rechnen müssen, der Krieg in der Ukraine hat längst Auswirkungen auf unseren Alltag, auch auf alle Bauvorhaben, auf Materialpreise und Lieferketten, er stellt alle Beteiligten, zuerst aber die ausführenden Baufirmen, vor große Herausforderungen. Ich bin froh, dass wir mit unseren Partnern eng und vertrauensvoll zusammenarbeiten. Wir halten uns auf dem Laufenden, sobald sich Überraschungen ergeben." Durch Initiative der Geschäftsführung und der wirtschaftlichen Träger konnte zuletzt eine notwendige Erhöhung der Baukosten mit dem Fördermittelgeber abgesichert werden. Der notwenige Mehrbedarf von 3 Mio. EUR wird zur Hälfte von der Gesellschaft und den wirtschaftlichen Trägern sowie dem Freistaat Thüringen getragen. Die gesamten Baukosten belaufen sich auf 17 Mio. Euro.

Gegenwärtig wird auf der Baustelle die LKW-Rampe am Bühnenhaus errichtet und an der Nordseite des Funktionsanbaus ein Fettabscheider eingebaut. „Im nächsten Abschnitt“, so Verwaltungsdirektor Moersch, „erfolgt die Herstellung der Fundamente für das Zuschauerhaus.“

 

Friederike Lüdde
Leiterin Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Thüringer Landestheater Rudolstadt
Thüringer Symphoniker Saalfeld-Rudolstadt GmbH