Appell von Bürgermeister Jörg Reichl vom 21. März 2020

Liebe Rudolstädterinnen, liebe Rudolstädter,

heute richte ich mich in einem persönlichen Appell an Sie, da wir uns in einer Zeit befinden, die geprägt ist von einer gesundheitlichen Herausforderung, die alle Bereiche des öffentlichen Lebens unserer Stadt umfasst und Einschränkungen von uns allen abverlangt. Die Corona-Pandemie stellt uns vor Aufgaben, die niemand in den letzten Jahrzehnten in diesem Ausmaß bisher miterlebt hat und sie wird uns noch sehr lange beschäftigen.

Beinahe stündlich erreichen uns neue Nachrichten darüber, wie gefährlich die Viruserkrankung ist, wie sie bekämpft wird und welche Folgen sie für unsere Gesellschaft hat. Sie haben bereits viel über das Virus gelernt und die meisten von Ihnen haben ihr Verhalten bereits umgestellt – wie ein großer Teil der Menschen auf der ganzen Welt.

Dennoch müssen wir feststellen, dass auch momentan noch größere Gruppen von Jugendlichen sich auf den öffentlichen Plätzen treffen oder Familien die Schließung von Spielplätzen ignorieren. Aber auch manche ältere Menschen scheinen nicht zu verstehen, dass sie jetzt nur das Nötigste erledigen sollten und dass man keine größeren Gruppen bildet. Ich weiß, die Bedrohungslage scheint für den einen oder anderen weit weg, noch sind in unserer Stadt keine Einwohner und in unserem Landkreis nur wenige erkrankt. Doch auch hier wird sich die Situation schon bald ändern. In dieser außergewöhnlichen Lage gilt es aber, sich darauf zu konzentrieren, was wir hier in Rudolstadt und den Ortsteilen tun können, was wir tun müssen und was wir nicht tun sollten.

Dazu gehören drei wesentliche Schritte:

  1. Den Virus ausbremsen
  2. Die Versorgung sicherstellen
  3. Über den Virus informieren

Zuallererst ist es wichtig, die Verbreitung des Coronavirus zu verlangsamen. Wie wir alle wissen, haben wir in Deutschland eines der besten Gesundheitssysteme der Welt. Auch ein so gut ausgestattetes System kann jedoch an seine Grenzen geraten, wenn sehr viele Menschen gleichzeitig untersucht, im Falle einer Erkrankung isoliert und in einigen Fällen intensivmedizinisch behandelt werden müssen. Es kommt darauf an, dass dies so langsam wie möglich nacheinander geschieht, nicht auf einmal.

Unsere Thüringen-Kliniken in Saalfeld und Rudolstadt sind für den Notfall gut aufgestellt. So wurden bereits Pandemie-Stationen eingerichtet. Drei Zelte zum Schnelltest-Nachweis des Virus am Standort Saalfeld und insgesamt 33 Beatmungsplätze in Saalfeld und Rudolstadt stehen für den Ernstfall zur Verfügung.

Ich bitte Sie, suchen Sie im Verdachtsfall keinen Arzt, kein Krankenhaus und kein Gesundheitsamt auf. Melden Sie sich telefonisch bei Ihrem Hausarzt oder kontaktieren Sie per Festnetz die bundeseinheitliche Telefonnummer 116 117.

Unser Hauptaugenmerk sollte im Moment darauf liegen, Kontakte soweit es irgend geht zu beschränken. Reduzieren Sie das Risiko und übernehmen Sie Verantwortung, indem Sie zuhause bleiben, soweit Sie nicht Ihren beruflichen oder anderen Verpflichtungen nachkommen müssen. Halten Sie sich an die hygienischen Ratschläge, verschieben Sie Familienfeiern, schützen Sie ältere Menschen in Ihrem Umkreis.

Bedenken Sie: Es sind nicht nur ältere und kranke Menschen gefährdet. Denn jeder, der oder die isoliert oder intensivmedizinisch wegen der Corona-Infektion behandelt werden muss, belegt auch ein Bett in unseren Krankenhäusern. Jedes Bett wird gebraucht. Nicht nur für Patienten mit Coronavirus-Erkrankung sind diese Betten lebensnotwendig, sondern auch für alle anderen Kranken und Verletzten, die es auch vor der Pandemie schon gab und weiterhin geben wird. Ein großes Dankeschön gilt allen Ärzten, dem gesamten Pflegepersonal – allen im medizinischen Bereich, die an vorderster Front gegen die Erkrankung kämpfen und im Moment auf vieles verzichten müssen.

Viel Unsicherheit ist in den letzten Tagen entstanden, welche Geschäfte und Betriebe schließen müssen und welche geöffnet bleiben.

Liebe Bürgerinnen und Bürger, die Versorgung aller ist weiter gewährleistet. Sehen Sie von Hamsterkäufen ab und geben Sie dem Personal die Chance Regale wieder auffüllen zu können. Es wird weiterhin Nahrungsmittel und Medikamente und alles zum Leben Notwendige geben.

Einzelhandel, Logistik, Medizintechnik, Apotheken, Strom- und Wasserversorgung, Handwerker, Polizei, Rettungsdienste und Hilfsorganisationen, Verwaltung, Lehrkräfte, Feuerwehr und viele, viele weitere leisten jetzt schon hervorragende Arbeit, um die Versorgung zu garantieren. Ihnen gilt mein ausdrücklicher Dank und der Dank von uns allen.

Ich appelliere an alle Bürgerinnen und Bürger, diese Leistung anzuerkennen und sie zu respektieren. Ein Streit an der Kasse, weil Einzelne meinen zum Beispiel große Mengen Toilettenpapier horten zu müssen, ist nicht dem Ernst der Situation angemessen. Es ist egoistisch und schlicht unanständig.

Verwenden Sie Ihre Energie bitte lieber darauf, denjenigen Hilfestellung zu leisten, die sie benötigen. Das tut Ihnen und der Gesellschaft gut. Haben Sie ein Auge darauf, ob die Menschen in der Nachbarschaft gesund sind, ob sie etwas zum Leben benötigen. Auch wenn wir Kontakte vermeiden müssen, sollten wir in dieser Hinsicht näher zusammenrücken: Je besser wir uns gegenseitig unterstützen, desto besser überstehen wir diese Pandemie. Bieten Sie Menschen an, kleinere Besorgungen und Einkäufe für sie zu erledigen.

Ich versichere Ihnen, dass die Stadt alles tut und tun wird, um ihrer Rolle gerecht zu werden. Wir beobachten die Situation und ergreifen in Zusammenarbeit mit den übergeordneten Behörden alle notwendigen Schritte. So wird das Funktionieren unserer Gesellschaft, unserer Stadt und der Ortsteile soweit es möglich ist erhalten.

Doch auch wir sind von zahlreichen Schließungen betroffen. Das Rathaus, die Tourist-Information, die Bibliothek, das Schillerhaus, unser Freizeitbad SAALEMAXX, unser Theater und alle weiteren nachgeordneten Einrichtungen der Stadt bleiben bis auf weiteres für den Publikumsverkehr geschlossen. Der Bürgerservice darf nur in Notfällen und mit vorheriger telefonischer Anmeldung betreten werden. Die Gesundheit unseres Personals hat auch in der Stadtverwaltung höchste Priorität.

Besonders verstehe ich die jetzigen Sorgen und Nöte unserer Einzelhändler, unserer Gastronomen, der Handwerker und vieler Gewerbetreibenden, die von den Schließungen ihrer Betriebe, von deutlich weniger Anfragen, mithin von sinkendem Umsatz bis gegen Null, von weniger zur Verfügung stehenden Mitarbeitern aufgrund der fehlenden Kinderbetreuung oder anderen einschneidenden Veränderungen im betrieblichen Alltag betroffen sind. Dies hat ungeahnte Auswirkungen auf Beschäftigte, auf den weiteren Fortbestand vieler kleiner Unternehmen. Ich vertraue hier auf die Erfüllung der Zusagen der Bundes- und Landesregierung, um zumindest einige Folgen für die Betroffenen abzuschwächen. Mir ist bewusst, dass die Hilfen keine adäquate Entschädigung darstellen werden. Deswegen bitte ich die Rudolstädter Bürgerinnen und Bürger: Kaufen Sie – wenn es dann wieder verstärkt möglich sein wird, nach der Wiedereröffnung der momentan durch Allgemeinverfügung vorübergehend geschlossenen Geschäfte – lokal ein. Sie alle helfen damit unseren Einzelhändlern, Gastronomen und Dienstleistern, die unsere Unterstützung benötigen.

Uns treffen, wie viele Veranstalter jener Zeit, auch Veranstaltungsabsagen. So wurde bereits die Absage des Schiller-Staffel-Laufs kommuniziert.
Heute muss ich Ihnen mitteilen, dass ich auf Grund der aktuellen Situation schweren Herzens auch die Entscheidung treffen musste, unser vom 15. bis 17. Mai geplantes Rudolstädter Altstadtfest abzusagen. Ich danke dem Organisationsteam für die Zusammenstellung eines facettenreichen Programmes und für die bereits getroffenen umfangreichen Vorbereitungen. Ebenso danke ich den zahlreichen Förderern und Sponsoren, die es ermöglicht hätten, Ihnen das beliebte Fest bei freiem Eintritt anzubieten. Lassen Sie uns schon heute auf das Altstadtfest im nächsten Jahr freuen, das wir hoffentlich wieder bei guter Laune generationsübergreifend miteinander genießen und feiern können – dann vom 28. bis 30. Mai 2021.

Wir tun unser Bestes, Sie über die Geschehnisse stets aktuell zu informieren. Die Informationslage unterliegt einer hohen Dynamik. Ständig ändern sich Erkenntnisse und Handlungsanweisungen. Auch wir in der Verwaltung lernen immer wieder hinzu. Genau deswegen möchten wir mit der größtmöglichen Transparenz in die Kommunikation mit unseren Bürgern treten. Dazu haben wir auf unserer Internetseite die Sonderseite www.corona.rudolstadt.de eingerichtet. Dort finden Sie auch häufig gestellte Fragen zum Thema und entsprechende Antworten. Diese Liste wird stets aktualisiert und erweitert. Außerdem haben wir mit der Corona-Hotline ein Hilfstelefon eingerichtet, wo wir Ihre Fragen, aber auch Hilfsangebote und Hilfeersuchen koordinieren. Besetzt ist es Montag bis Freitag von 8.00 bis 16.00 Uhr sowie in Anpassung an eine neue Situation auch länger. Scheuen Sie sich nicht uns anzurufen: 03672 486-111.


Liebe Rudolstädterinnen und Rudolstädter,

passen Sie gut auf sich auf, handeln Sie verantwortungsvoll für uns alle und vor allem bleiben Sie gesund.

Ihr
Jörg Reichl
Bürgermeister